![]() |
||||
|
Karl kam als typischer Schlachthase auf einem Dorf bei den Eltern meines damaligen Freundes zur Welt. Die Kaninchen wurden dort unter katastrophalen Umständen gehalten (hätten diese Leute die Kaninchenhaltung nicht aufgegeben, hätte ich ihnen den Amtstierarzt auf den Hals gehetzt!). Vermutlich hätte ihn das gleiche Schicksal ereilt wie seine Verwandten, wäre Karl nicht ein sehr aufgeweckter Schleimer gewesen und noch dazu sehr hübsch. Während die anderen Kaninchen sich angstvoll in die Ecke des Käfigs drückten, kam Karl sofort angehoppelt und sah sich nach essbarem um. Bei einem Grillfest im Sommer wurde dann beschlossen, dass dieses Kaninchen ausnahmsweise einen Namen bekommen sollte und so einigte man sich auf Karl. Aufgrund seiner späteren Starallüren kam der Zusatz „vom Wilberg“ hinzu, da sein Stall eben unter diesem Berg stand. Es ging also auf den Winter zu, Schlachtzeit für alle verbliebenen Hasen, da es der Hausherrin zu anstrengend war, die Kaninchen über den Winter zu versorgen. In meinen Augen war es ihr allgemein zu anstrengend, aber dazu äußere ich mich besser nicht mehr (siehe oben). Als ich nun hörte, dass auch Karl in den Kochtopf, besser in die Tiefkühltruhe wandern sollte, heulte ich Rotz und Wasser. Mit Erfolg, denn Karl durfte umziehen. Er war mein Weihnachtsgeschenk. Sehr zur Begeisterung meiner Eltern. Gelinde ausgedrückt waren sie stinksauer. Aber da ich eine eigene Wohnung hatte und schließlich auch volljährig war, konnten sie nichts dagegen sagen.
Nach einem halben Jahr etwa bekam er die erste Kolik. Für Kaninchen kann so was lebensbedrohlich sein. Bei der Tierärztin bekam er Medikamente und bald ging es ihm besser. Ich dachte, die Sache sei somit ausgestanden. Leider bekam er die Koliken immer wieder, mit der Zeit wurden die Abstände zwischen den einzelnen Koliken auch immer kürzer. Das machte ihn zu einer tickenden Zeitbombe. Meistens suchte er sich ganz schlechte Zeitpunkte dafür aus (eine Woche vor meinem Staatsexamen oder nachts vor einer wichtigen Prüfung). Es wurde unter Freunden schon gewitzelt, dass der Hase unter Prüfungsangst leiden würde. Die Tierärztin konnte keine Ursache finden und machte recht schnell deutlich, dass wenn die Medikamente nicht mehr helfen würden, man nichts für ihn tun könne. Heute denke ich, dass Karl an einem Colon Carzinom verstorben ist.
Ein anderes Mal musste ich feststellen dass Karl sich sehr leicht selber aus dem Käfig lassen konnte. Wir (Karl und ich) waren zu Besuch bei meinem damaligen Freund, der sehr viel wert auf seine Grünpflanzen legte. Sein ganzer Stolz war eine, wie ich fand, etwas mickrige Palme. Als wir nachmittags unterwegs waren, war Karl natürlich langweilig im Käfig und so befreite er sich selber und erkundete die Wohnung. Bei unserer Rückkehr war erstmal der Schreck groß: Käfig leer und kein Karl zu sehen. Dafür aber mitten in der Wohnung eine total zerfledderte Palme inmitten von Dreck. Irgendwo saß dann auch ein sehr dreckiger Karl und verfolgte die Szene gespannt. Mein damaliger Freund war kurz vorm Ausrasten und man hatte das Gefühl, dass Karl hingegen sehr zufrieden mit sich war. So bekam der Käfig erstmal ein Vorhängeschloss bis ein neuer ausbruchssicherer Käfig gekauft wurde.
Karl war ansonsten zu jedem freundlich oder zumindest distanziert. Richtig gebissen hat er nicht mal mich. Angemeckert wurde man allerdings dauernd, wenn irgendetwas nicht zu seiner Zufriedenheit war (oder morgens schepperte er lautstark mit dem Alunapf gegen das Gitter wenn er Hunger hatte). Auf meinen Vater hatte er es allerdings abgesehen. Aus irgendwelchen Gründen ging er auf ihn los und biss ihn. Schließlich versuchte mein Vater ihn mit Löwenzahn zu bestechen. Den nahm er auch freundlich und als er das Schnäuzchen leer hatte, biss er wütend zu.
Karl wollte immer beschäftigt werden. Hatte ich dazu keine Zeit, verschaffte er sich die Beschäftigung selber. Meinen CD-Ständer auszuräumen, die Wäsche zum Wäscheständer abzuhängen oder Bücher aus dem Regal zu holen und anzufressen, waren nur einige wenige seiner Zeitvertreibe. Meistens war er auf der Suche nach etwas zu essen. Wild war er auf Gummibärchen und Tropi Frutti. Gemütlich saß ich einen Abend vorm Fernseher, auf dem Couchtisch ein Schälchen mit Gummibärchen. Als ich wieder mit der Hand in die Schale griff, hatte ich plötzlich Fell in der Hand. Genauer gesagt das Schnäuzchen von Karl, der mich mit vollem Maul ertappt anschaute und nicht wagte zu kauen. Hatte der freche Kerl sich die ganze Zeit an den Gummibärchen bedient! Nicht grade die Sorte Futter, die gesund für Kaninchen ist.
Am Abend des 12. August 2006 kam ich nach Hause und sah, dass mein Karl wohl wieder Bauchweh hatte. Geübt spritze ich ihm seine Medikamente und wartete auf Besserung. Als nichts geschah, bekam er noch mal etwas von dem Schmerzmittel. Mittlerweile war es Nacht. Karl ging es immer noch nicht besser. Aber ich hatte ihn schon in schlechterer Verfassung gesehen und die Tierärztin hätte in dem Moment auch nichts weiter tun können. Also bekam er noch mal ein Schmerzmittel und ich ging ins Bett mit dem Plan, am nächsten Morgen zum Tierarzt zu fahren. Kurz nach 5 Uhr wachte ich besorgt auf. Karl lag da bereits bewusstlos im Käfig. Versuche einen Tierarzt zu erreichen blieben erfolglos und so starb Karl gegen 5:40 Uhr am 13.August 2006 während ich ihn streichelte. Er wurde nur 4,5 Jahre alt. Ich begrub ihn am gleichen Tag im Garten von meinen Eltern. Der quirlige und intelligente Rammler hätte es verdient gehabt, noch ein paar Jahre fröhlich rumspringen zu dürfen. Er hinterlässt eine große Lücke. Für Karl Sabrina (Text & Bilder) und Mika | ||||