Eines Tages konnte ich ein für mich damals recht wunderliches Verhalten bei meiner Kaninchendame beobachten, dass mir bisweilen etwas Sorgen bereitet hatte (dazu sollte ich vielleicht vorweg erwähnen, dass ich davor ein Männchen hatte, bei dem ich ein solches Verhalten naturgemäß nicht beobachten konnte, doch dazu später mehr). Die kleine war schon einige Zeit lang (ein paar Wochen) äußerst zickig und teilweise sehr angriffslustig, weswegen ich mich bei meinem Tierarzt schon nach einer geeigneten Therapie erkundigt hatte. Eines Tages ist sie dann ziemlich ruhig, aber dafür um so geschäftiger geworden und hat angefangen jeden nur auffindbaren Strohhalm einzusammeln und ihn in einer Ecke ihres Käfigs zu deponieren. Hochkonzentriert ist sie dabei zwischen Käfig und dem Läufer, den ich vor dem Käfig liegen hatte, hin- und hergesprungen: Strohlhalm und Teppichfransen einsammeln ... im Käfig ablegen ... einsammeln ... ablegen ... Dabei durfte man sie nicht stören, sonst ist sie ziemlich wild geworden. Sogar ihr Spielhemd hat sie nach einiger Zeit mit viel Mühe in den Käfig und dort in ihre Nisteck gezerrt. Besonders amüsant fand ich, wie sie dem Ulmer Spatzen gleich die ganzen Strohhalme quer im Mund transportierte (vgl. obiges Bild). Selbst zum Schimpfen, wenn ich sie mal bei ihrer Arbeit störte, oder zum Ausruhen legte sie ihre Fundstücke nicht ab.


Diese Nestbauaktivitäten erstreckten sich einen guten Tag lang. Gegen Abend fing sie noch an, sich das Fell auszureissen: vom Bauch, vom Rücken, von den Beinen, aus der Flanke – fast von jeder Körperstelle rupfte sie sich Fell aus und stopfte es sich ins Maul. Das war der Moment, wo ich mir ernsthaft Sorgen machte, denn ich hatte gelesen, dass zu viel Fell im Magen zu einer (lebensbedrohlichen) Verstopfung führen kann. Und da wanderten gerade Unmengen in das Kaninchen hinein. Bei einer länger andauerenden Beobachtung stellte ich aber zu meiner Erleichterung fest, dass sie den Flaum nur im Maul zwischenspeicherte und alles in ihrer Nestecke wieder ablud. Später sollte sich herausstellen, dass die Mengen nicht ganz unerheblich waren: fast ein ganzes DIN A4 Blatt konnte man damit bedecken. Nach einige Zeit stellte sie auch diese Aktivitäten ein und legte sich – es war spät in der Nacht – in ihr frisch gemachtes Nest. Dort lag sie ganz ruhig, lies sich sogar im Käfig streicheln und gab ab und zu ein leises Wimmern von sich. Am nächsten Morgen hat sie ihren Nestbau dann noch eine kurze Zeit fortgesetzt, bis sie sich abermals in das Nest legte. Nach einigen Stunden verlies sie dann ohne ersichtliche Grund wie ausgewechselt den Käfig: sie ging auf Erkundungstour durch die Wohnung, ich konnte mich mit ihr wieder beschäftigen, sie hat mehr gefressen und beachtete ihre Nestecke nicht weiter – kurzum, die »Zicke« war verschwunden.

Eine Internet-Recherche und ein Gespräch mit meinem Tierarzt ergaben dann, dass es sich dabei wohl um eine Scheinträchtigkeit gehandelt hat, was mich schon etwas überraschte, da ich das Tier zu dem Zeitpunkt alleine gehalten hatte. Das kommt bei Weibchen aber wohl ab und zu vor. Da der Eisprung bei Kaninchen nicht wie beim Menschen zyklisch verläuft, sondern durch einen Begattungsreiz ausgelöst wird, können auch schon mal andere Reize oder plötzlich auftretende Umwelteinflüsse die Ovulation einleiten und das Kaninchen durchläuft hormonell eine Schwangerschaft. Im Internet habe ich einen Bericht gefunden, dass eine Häsin, die mit einem kastrierten Rammel zusammen lebt, teilweise drei mal im Jahr eine Scheinträchtigkeit durchlebt. Ich bin mal gespannt, wie oft das bei Arabesque der Fall sein wird.
In diesem Zusammenhang recht amüsant fand ich auch folgende Begebenheit: es war kurze Zeit, nachdem Arabesque Gesellschaft durch Rudi erhalten hatte und sie sich mal wieder in einer ihrer Nestbauaktivitäten erging. Ganz vertieft in ihre Sammeltätigkeit kam sie plötzlich auf die Idee, dass ich Freund eigentlich zu der ganzen Aktion auch etwas beisteuern könnte und fing an, ihm von seinem Hinterteil Fell auszuzupfen, was dem gutmütigen Rudi natürlich gar nicht gefiel. Lies er sie bisher schon unbehelligt bei ihren Baumaßnahmen, ging er ihr fortan doch etwas mehr aus dem Weg, um nicht ungewollt als Lieferant für Polstermaterial zu dienen.


Seit die kleine Kaninchendame kastriert worden ist, konnte ich ein Nestbauverhalten bei ihr nicht mehr beobachten. Um so überraschter war ich allerdings, als diese Sammelaktivitäten bei ihrem Lebenspartner Rudi, einem kastrierten Männchen (!), auftraten. Aus heiterem Himmel hat er angefangen, das Heu im Käfig einzusammeln und durch die Wohnung zu tragen, bis er es dann irgendwann an einem seiner Lieblingsplätze abgelegt hatte. Zwar waren bei ihm die typischen, oben beschriebenen Symptome wie zickiges, geschäftiges Treiben und das Ausreissen seines Fells nicht auszumachen, dennoch verwunderte mich dieses Benehmen etwas, kannte ich ein solches Verhalten bisher nur von Weibchen. Ein Internet-Kontakt berichtete mir, dass er das bei seinem kastrierten Männchen auch schon beobachtet hatte, erklären konnten wir uns das aber beide nicht. Daher hatte ich zu dem Thema meinen Tierarzt befragt. Er hat gemeint, das sei normal und kann schon vorkommen. Kaninchen sind an sich ja Höhlenbewohner und sowohl Weibchen als auch Männchen haben diese Nestbauaktivitäten, auch unabhängig von einer (Schein-)Schwangerschaft; bei Weibchen sind diese Bauaktivitäten naturgemäß ausgeprägter. – Sie machen es sich in ihrer Höhle einfach gemütlicher. Dass dieses Verhalten auch bei einem Wohnungs-/Käfigkaninchen ohne Höhle auftritt, kommt vom Instinkt. Und meist sind das auch völlige (in der aktuellen Situation) sinnentleerte Handlungen, über die das Tier gar nicht bewusst nachdenkt, sondern die einfach so durchkommen.

In diesem Zusammenhang, und als Vergleich hat mir mein Tierarzt eine lustige Geschichte von seinem Dackel erzählt. Das ziemlich intelligente Tier kam eines Tages auf die Idee, vom Instinkt und seinem natürlichen Verhalten getrieben, einen Knochen im Wohnzimmer zu vergraben. Dazu ging er in eine Zimmerecke und hat mit Grabbewegungen angefangen, die natürlich wirkungslos verliefen. Nach einiger Zeit, nach welcher bei entsprechendem Untergrund zwangsläufig ein Loch entstanden wäre, legte er den Knochen genau in die Mitte seiner "Grabaktivitäten" und hat begonnen – immaginär – den vermeintlichen Aushub auf den Knochen zu schieben und mit den Pfoten festzudrücken. Gerade als er sich von seinem »Werk« abwenden wollte, realisierte er, dass der Knochen, immer noch auf dem Teppich liegend, ja gar nicht vergraben war. Er wiederholte noch zweimal den ganzen Vorgang.